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Gesellschaftskritische Kommunikation

Beschwerde an das Dekanat der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (WISO) gegen Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer

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Köln, 2015

Sehr geehrter Prof. Dr. Werner Mellis,

Wir schreiben Ihnen als gewählte studentische Gleichstellungsbeauftragte, das Autonome Frauen- und Lesbenreferat, den Hochschulgruppen campus:grün und dieLinke.sds, sowie betroffenen Studierenden.

Wir möchten an dieser Stelle eine Beschwerde gegen die Lehrmethoden einiger Lehrbeauftragter des Instituts für Soziologie und Sozialpsychologie äußern. Wir berufen
uns hierbei auf die Richtlinie zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung an der Universität zu Köln.

Die angebotenen Veranstaltungen sind nahezu alle von einer evolutionspsychologischen
Perspektive durchzogen und lassen daher in ihren Erklärungsversuchen keine große Vielfalt erkennen. Wir wollen in diesem Brief aber nicht die durchaus fragwürdige Ausrichtung der Wirtschafts-und Sozialpsychologie auf ihre spätere Verwertbarkeit in der Wirtschaft kritisieren, sondern vor allem auf die Rückständigkeit der zum Teil getroffenen Aussagen der Dozierenden eingehen. Über die Fachrichtung Evolutionspsychologie lässt sich auf einer inhaltlichen Ebene sicherlich streiten. Da wir uns der verschiedenen Ansichten durchaus bewusst sind, möchten wir in diesem Brief explizit auf die Art und Weise der Präsentation und den Umgang mitden genannten Inhalten eingehen. Einige der Lehrveranstaltungen sind durchzogen von sexistischen, rassistischen und homophoben „Späßen“, Vorstellungen und nicht wissenschaftlichen Anekdoten, die ein reaktionäres Weltbild widerspiegeln, besonders zu nennen sind hierbei „Einführung in die Sozialpsychologie“ und „Evolutionäre Erklärung
menschlichen Verhaltens“. Es werden Stereotype bekräftigt und veraltete Rollenbilder transportiert. Die Selbstmordtendenz von Homosexuellen auf die „Nicht-Fortpflanzungsfähigkeit“ zu beziehen, anstatt soziale Gesellschaftsformen, Diskriminierungen im Alltag und die fehlende Akzeptanz von Homosexualität zu betrachten – geschweige denn kurz einmal zu erwähnen – ist nicht nur verkürzt, sondern ganz nebenbei auch nicht zeitgemäß. Daraus auch noch einen Witz zu formulieren, mag für einige lustig sein, für Betroffene in dieser Vorlesung ist es nicht nur eine weitere Diskriminierungserfahrung, sondern eine Entwertung ihres eigenen Lebens. Da ein großes Standbein der Evolutionspsychologie die Beziehung zwischen Mann und Frau darstellt und deshalb ständig auf heteronormative Beispiele zurückgegriffen wird, ist eine Sache. Doch die Unreflektiertheit, die dabei vor allem in den oben genannten Veranstaltungen zutage kommt, lässt von einer gelebten Gleichstellung an der Universität zu Köln wenig erkennen. Wenn wieder einmal die Sprache auf die Frau kommt, die ihren Partner lediglich nach den finanziellen
Ressourcen aussucht oder der Mann rein evolutionsbiologisch dazu bestimmt ist so viele „Weibchen“ wie möglich zu begatten, dann könnte doch wenigstens an solchen Stellen ein kleiner Hinweis auf eine soziale Evolution stattfinden. Soziale Entwicklungen finden keinerlei Berücksichtigung, im Gegensatz dazu wird sich über feministisches Verhalten empört und Gleichstellung belächelt. Beim Thema „Vergewaltigung“ werden feministische Diskurse und Errungenschaften ins Lächerliche gezogen.

Aussagen von Herrn Prof. Dr. Fetchenhauer, in denen er die „Unschuld der Frauen vergewaltigt zu werden“ betont, werden nahezu ad absurdum geführt, wenn sich der Ratschlag anschließt : „[Frauen sollten] eine nüchterne Freundin mit in die Disko nehmen, die auf sie aufpasst, und es ablehnen, wenn Männer anbieten, sie nach Hause zu fahren.“ Weiterhin geht er davon aus, dass „Studien zufolge es außerdem so sei, dass Frauen, die weniger Kleidung trügen, öfter Opfer von sexueller Belästigung/Vergewaltigung würden. Das sei auf die Theorie von „hot state“ vs. „cold state“ zurück zu führen, denn wenn sich Männer erstmal im „hot state“ befänden, seien sie ohnehin ihren Trieben ausgeliefert.“ Wie sollte das anders zu verstehen sein, als dass die Vorbeugung von Vergewaltigungen allein in Hand der Frauen liegt? Durch solche vorurteilsgeladenen Aussagen werden bestehende Machtverhältnisse weiter reproduziert und bestätigt. Wir stellen uns die Frage, was für ein Frauenbild an Kölner Studierende hier weitergetragen wird. Sicherlich keines, welches nach der Richtlinie zum Umgang mit sexualisierter Diskriminierung gefördert und gewünscht ist. Die Richtlinie behandelt unter anderem genau diese Vorwürfe und missbilligt ein solches Verhalten aufs Schärfste. Wir berufen uns auf diese und fordern sofortige Konsequenzen für die genannten Lehrstühle und Lehrpersonen. Wir bitten um eine zeitnahe Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen

Studentisch gewählte Gleichstellungsbeauftragte
Das Autonome Frauen- und Lesbenreferat Köln
Die Hochschulgruppe campus:grün
Die Hochschulgruppe dieLinke.sds

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