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Gesellschaftskritische Kommunikation

Archive for the ‘Philosophie’ Category

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Adorno und seine Mitautoren wenden sich gegen die vulgärmarxistische Vorstellung, rechtsradikale Stimmungen seien einfach der Ausdruck sozialer Missstände. Sie vermuten stattdessen, dass „lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen“. Zu diesen Sehnsüchten zählte schon damals, dass der permanente Veränderungsstress endlich aufhören möge. Das ist verständlich, aber doch regressiv: die Verweigerung eines erwachsenen Umgangs mit der Welt.

Gero von Randow, Die Zeit, 01.12.2016

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Ist es schon wahr, daß ohne jenes »um seiner selbst willen« zumindest die große deutsche Philosophie und die große deutsche Musik nicht hätten sein können – bedeutende Dichter der westlichen Länder haben der durchs Tauschprinzip verschandelten Welt nicht weniger widerstanden –, so ist das doch nicht die ganze Wahrheit. Auch die deutsche Gesellschaft war, und ist, eine Tauschgesellschaft, und das Etwas um seiner selbst willen Tun nicht so rein, wie es sich stilisiert. Vielmehr versteckte sich dahinter auch ein Für anderes, auch ein Interesse, das in der Sache selbst keineswegs sich erschöpft. Nur war es weniger das individuelle als die Unterordnung von Gedanken und Handlungen unter den Staat, dessen Expansion erst dem einstweilen gezügelten Egoismus der Einzelnen Befriedigung verschaffen sollte. […]
Der Vorrang des Kollektivinteresses über den individuellen Eigennutz war verkoppelt mit dem aggressiven politischen Potential des Angriffskriegs. Drang zu unendlicher Herrschaft begleitete die Unendlichkeit der Idee, das eine war nicht ohne das andere. Geschichte erweist sich daran, bis heute, als Schuldzusammenhang, dass die höchsten Produktivkräfte, die obersten Manifestationen des Geistes verschworen sind mit dem Schlimmsten. Noch dem Um seiner selbst willen ist, im unerbittlich integern Mangel an Rücksicht auf den anderen, auch Inhumanität nicht fremd. Sie offenbart sich in einer gewissen auftrumpfenden, nichts auslassenden Gewalttätigkeit gerade der größten geistigen Gebilde, ihrem Willen zur Herrschaft. Ausnahmslos fast bestätigen sie das Bestehende, weil es besteht. Wenn man etwas als spezifisch deutsch vermuten darf, dann ist es dies Ineinander des Großartigen, in keiner konventionell gesetzten Grenze sich Bescheidenden, mit dem Monströsen. Indem es die Grenzen überschreitet, möchte es zugleich unterjochen, so wie die idealistischen Philosophien und Kunstwerke nichts tolerierten, was nicht indem gebietenden Bannkreis ihrer Identität aufging. Auch die Spannung dieser Momente ist keine Urgegebenheit, kein sogenannter Nationalcharakter.
Die Wendung nach innen, das Hölderlinsche Tatenarm doch gedankenvoll, wie es in den authentischen Gebilden um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts vorwaltet, hat die Kräfte gestaut und bis zur Explosion überhitzt, die dann zu spät sich realisieren wollten. Das Absolute schlug um ins absolute Entsetzen. […] So wenig darum Hitler als Schicksal dem deutschen Nationalcharakter zuzuschreiben ist, so wenig zufällig war doch, dass er in Deutschland hinaufgelangte. Allein schon ohne den deutschen Ernst, der vom Pathos des Absoluten herrührt und ohne den das Beste nicht wäre, hätte Hitler nicht gedeihen können. In den westlichen Ländern, wo die Spielregeln der Gesellschaft den Massen tiefer eingesenkt sind, wäre er dem Lachen verfallen.

Theordor W. Adorno, : Was ist deutsch, in: GS 10.2, S. 694

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Die Tendenz des Rechts ist es, die Gewalt den Rechtszwecken dienstbar zu machen und die Gewalt außerhalb des Rechts so weit als möglich zu reduzieren. Eine Struktur, die notwendig alle außerhalb des Rechts liegende Gewalt (z.B. erzieherische Gewalt, Notwehr) zum Feind des bestehenden Rechts macht. Durch ihr bloßes Dasein, nicht durch ihre Zwecke, außerhalb des Rechts wird die Gewalt schon zur Gefahr für das Recht.

Ronald Engert , Zur Kritik der Gewalt – Nach einem Aufsatz von Walter Benjamin

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Die Bedeutung der über das Recht vermittelten Kommunikation (…) wird (…) für das Ganze genommen und zum ausschließlichen Bezugspunkt des eigenen Selbstverständnisses erhoben.

Axel Honneth, Das Recht der Freiheit, 2013.

Eugenetik – Mögliche und unmögliche Kritik an der Selbstbestimmung des Körpers.

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Jürgen Habermas Eugenetik

Jürgen Habermas – Eugenetik als die Möglichkeit über den eigenen Körper zu bestimmen.

Die Rede von Sybille Lewitscharoff in Dresden hat einen kritischen Diskurs losgebrochen. Zu Recht:

Der eigentliche Horror resultiert für mich dabei nicht nur aus den vorher kurz umrissenen Fällen der ärztlichen Warnung vor einer möglichen Missbildung des Kindes, sondern aus den Methoden, auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen.

Genauer betrachtet, könne es ihr  neben Provokation um ein differenziertes und christliches Verständnis im Umgang mit Körperlichkeit, dem Recht auf Abtreibung oder Gentechnik vor dem Hintergrund eines selbstbestimmten doch gottverpflichteten Lebens gegangen. Eine solche Meinung hätte als ewig-gestrig einfach Ignoriert werden können. Sie sagt weiter:

Hätte sich in meinem Bauch je ein heranwachsendes Kind befunden, hätte dieser Bauch ganz gewiss nicht allein mir gehört, sondern mir, dem Kind und dem dazugehörenden Vater, ganz zu schweigen von der langen Reihe vorausgegangener Generationen, die ihren verschwiegenen Anteil ebenfalls daran gehabt hätten.

Der Bauch als verlängerter Arm der Ahnen? Dies befremdet nicht zufällig. An anderer Stellen ihrer Rede erscheint sie nicht bloß als Verfechterin religiös-fundamentalistischer Eugenetik. Eugenetik meint den Eingriff in das Erbgut eines ungeborenen Menschen. Ihre Position befürwortet das generelle Verbot embryonalen Stammzellenforschung durch “Frau und Herr Doktor Frankenstein”, zur Veränderbarkeit des Erbgutes gleich welchen Grundes: mögliche Missbildung, Optimierung. Dies sei einfach abscheulich. Dass Lewitscharoff die arischen Geburtensteuerung des NS relativiert und allen per künstlicher Befruchtung (“abscheulicher Weg”) gezeugten Kinder ihr Menschsein abspricht – sie bezeichnet sie als “Halbwesen” – rückt das Ansinnen Lewitscharoffs in nationalsozialistisches Licht. Das erschreckendes Maß an Menschenverachtung durch herabgewürdigende Art macht die Autorin zur Verfechterin der Herrenrasse. Demnach gäbe es biologische Unterschiede, welche rechtlich-normative Differenzen produzierten. Menschen sind demnach nicht nur nicht gleich, ihnen stünden auch nicht die selben Rechte zu.  Eine biologisierte Gesetzgebung ist sozialdarwinistischer Wahn auf einer Linie mit Nationalsozialisten. Als “Halbwesen” eingestuften Menschen entledigte man sich durch Euthanasie. Diese Kehrseite ist das in ihrer Rede hörbar nicht Gesagte an der Seite romantisierter “Kopulationsheime“ der Nationalsozialisten. Die Tageszeitung taz schreibt dazu:

Doch daraus einen Menschenzüchtungs- und Selektionswahn à la Nazis zu konstruieren ist perfide. […] Wer diese Form der modernen Medizin […] in die Nähe der NS-Eugenik rückt, begibt sich sprachlich selbst in deren Nähe. Von der impliziten Abwertung schwul-lesbischer Regenbogenfamilien, die darin steckt, ganz zu schweigen.

Ihrer Position steht die als “liberal” bezeichnete Eugenetik entgegen. Marktteilnehmern, denen Entscheidungsfreiheit unterstellt wird, müssten selbst entscheiden dürfen, wie sie mit ihren Erbinformationen verfahren: Ob und wie stark sie zu welchen Zwecken in das vorgeburtliche Erbgut eingreifen. Jürgen Habermas kritisiert die “liberael” Eugenetik. Er schlägt sich jedoch nicht in das Lager Lewitscharoffs, sondern kritisiert beide Positionen und bewahrt sich eine zivilisatorische Perspektive. Aus Gründen der “Eigensucht” sei die religiöse wie liberale Eugenetik nicht mit den Grundsätzen des Liberalismus vereinbar. Lewitscharoff kritisiert Selbstbestimmung wegen ihrer “eigensüchtige[n] […] und kompromisslose[n] Dynamik”. Sie leitet hieraus ein generelles Untersagen solcher Entscheidungsfreiheiten ab. Habermas hingegen löst sich aus der binären Klammer, seinen Ansatz öffnet er der Kritik der politischen Ökonomie. Selbstvermarktung und Optimierung begreift er damit nicht als kritikables persönlichen Makel freier Individuen. Er zeigt parallelen zu Grundsätzen des Philosophen Michel Foucault (Biopolitik) als Form des regiert werdens durch Selbstdisziplinierung. Er wendet diese Erkenntnis auf Fragen des Geburtendesigns an. Der Unterschied zwischen Eingriffen zur Verhinderung von gesundheitlichen Schäden und Eingriffen in das Erbgut zum Zwecke der Selbstoptimierung impliziert nicht alleine die Frage der Freiheit von Eltern, sondern auch den Eingriff in die zukünftige Entscheidungsfreiheit des Ungeborenen selbst: “Wie würde das ungeborene Wesen aller Wahrscheinlichkeit nach wohl selbst entscheiden?”, ist dann eine nicht zu früh gestellte Frage, weil auch die Entscheidungen der Eltern in die Zukunft vorgreifen.

Die positive wie negative Eugenetik verletzten ohne Norm die Grundvoraussetzungen des Liberalismus:

  • „die Möglichkeit zu einer autonomen Lebensführung” und
  • “die Bedingungen eines egalitären Umgangs mit anderen Personen”

Merkmalsverändernde Eingriffe in das Genom eines Individuums fixiert eine Person auf Absichten, die nicht seine eigenen wären. Ebenso eine radikal vorgetragene negative Position, die auch Korrekturen zur Vermeidung von Krankheiten nicht gestatten möchte. In beiden Fällen würden unveränderliche Abhängigskeitsbeziehung zwischen dem Geborenen und ihrem “Designer” geschaffen, welche seine Freiheiten vorbestimmt einschränkten. Die Welt, deren Tag dann anbricht, wäre keine mehr, wo sich Menschen als freie und gleiche begegneten.