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Blog für relevante Sichtweisen zum Zeitgeschehen. Twitter: @s_ights

Archive for the ‘Jungle World’ tag

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Weit entfernt von dem Gerede einer Toleranz für alle bleiben feminine Jungs und „schrille“ Männer Anlass für hämische Belustigung und Ziel der Entwertung. Keine Abschaffung von Strafparagrafen, keine Einführung der Ehe für alle, kein Abbau der Diskriminierung und auch nicht der Eintrag zum sogenannten „Dritten Geschlecht“ führten dazu, dass der rechtliche und institutionelle Fortschritt auch von den Menschen in dieser Gesellschaft übernommen worden wäre. Der Hass auf das Andere, das zeigt sich an jenen, die als Männer geboren wurden und die Bandbreite der Männlichkeit zu sehr nach ihren Bedürfnissen vergrößern wollen, hat die Liberalisierung unbeschadet überstanden.

Patsy l’Amour laLove, Jungle World, 15.09.2018
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September 15th, 2018 at 2:12 pm

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Einer der dämlichsten Ratschläge beim Thema »Was tun gegen Nazis?« lautet, man dürfe den Rechten nicht die Gelegenheit geben, sich als Opfer darzustellen. Das impliziert nicht nur, dass die Betreffenden die Nazis offenbar lieber triumphierend sähen, sondern ist schon deshalb schwierig, weil der typische selbsternannte Herrenmensch mindestens so sehr zum Rumheulen neigt wie ein verzogener ­Fünfjähriger.

Svenna Triebler, Jungle World, Ausgabe 10/2018

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März 13th, 2018 at 2:09 am

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Denn nie lässt sich eine Psychopathologie der RAF und ihrer Geschichte schreiben, ohne dass sich damit eine Psychopathologie des Postfaschismus verbinden müsste. Daher hat sich die deutsche Gesellschaft kollektiv für einen »ungenauen Blick« entschieden. Weil es durch einen genaueren Blick geschehen könnte, dass man »Terror« ansieht und »Deutschland« zurückblickt.

Georg Seesslen, Jungle World, 2017, Nr. 51 Read the rest of this entry »

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Januar 2nd, 2018 at 7:55 pm

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Wer Geiseln nimmt, handelt aus einer Position der Schwäche. Wer stark ist, weiß seine Interessen anders durchzusetzen.

Volkan Ağar über Geiselnehmer Erdogan, Jungle World Nr. 2017/40 Read the rest of this entry »

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Oktober 8th, 2017 at 5:27 pm

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Der Senat aus SPD und Grünen sowie die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD hatten ihnen freie Fahrt gegeben, und das war ihnen anzumerken. Die Polizisten waren vollkommen sicher, dass ihre Handlungsweise politisch gedeckt wird. Die Kämpfe gegen Atomkraftanlagen in Brokdorf, Grohnde, Kalkar und vor allem im französischen Malville im Sommer 1977 waren einschneidende Erfahrungen für mich: Dort habe ich gesehen, wie französische CRS-Einheiten (eine Art Bereitschaftspolizei, Anm. d. Red.) mit Tränengasgranaten auf Menschen zielen und wie einer der Demonstrierenden, der Lehrer Vital Michalon, durch eine Blendgranate getötet wurde. Als jetzt in Hamburg plötzlich Antiterroreinheiten mit Schnellfeuergewehren am Pferdemarkt vor uns standen, als sie allen Ernstes auf Anwohnerinnen und Anwohner, Demonstrierende und Sanitäterinnen und Sanitäter zielten, war es schieres Glück, dass kein Mensch erschossen wurde. Die Trennung von Bundeswehr und Polizei wird durch die Militarisierung der Polizei, mental wie waffentechnisch, tendenziell aufgehoben. Diese Militarisierung der Polizei ist Ausdruck eines autoritären Staates auf dem Weg in den Polizeistaat.

Jutta Dittfurt im Interview mit Kevin Culina, Jungle World, Juli 2017, Ausgabe Nr. 19
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Im Wissen um die eigene Austauschbarkeit sind sie zu manch faulem Kompromiss bereit. Die Konfliktfähigkeit hingegen ist gering ausgeprägt. Mangelnde Organisierung, geringe Solidaritätserfahrungen, selbstunternehmerische Subjektivität und informelle Beschäftigungsverhältnisse sind keine gute Basis, um kollektiv für die eigenen Interessen einzustehen. Viele fürchten so, nur ihren eigenen Marktwert zu verschlechtern. Das kreuzbrave akademische Prekariat jammert gern, doch selbst niedrigstschwellige Formen des Engagements sind den meisten dann doch zu aufwendig. Dieser Strukturdualismus verbindet sich mit dem bekannten wenig ausgeprägten und wenig konfrontativen deutschen Protestverhalten.

Peter Ullrich, Jungle World

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»Ich bin eure Stimme« – das ist Trumps zentrale Parole. Wenn seine Aussagen sich im Nirwana zu verlaufen scheinen, hat er nicht den Faden verloren. »Er weiß, dass seine Zuhörer seine Sätze für ihn beenden«, urteilt der Linguist George Lakoff. So stellt Trump eine emotionale Bindung her, was Zuhörer und Redner denken, muss nicht mehr ausgesprochen werden. Dieser rhetorische Kniff erlaubte es, besonders Kontroverses nur anzudeuten, wie es dem üblichen Stil des Populismus entspräche. Doch Trump bestreitet seinen Wahlkampf mit rechtsextremen Parolen, deren Widerspruch zum nationalen und internationalen Recht offensichtlich ist.

Jörn Schulz, Jungle World Nr. 38, 22.09.2016

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November 9th, 2016 at 10:40 pm

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Populismus ist nicht zuletzt auch eine Form, die verkrusteten Strukturen des »politics as usual« aufzubrechen.

Karin Priester im Interview mit Julia Hoffmann, Jungle World Nr. 42, 20. Oktober 2016.
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Oktober 28th, 2016 at 5:04 pm

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Unter bestimmten Bedingungen kann Populismus eine Form von Bonapartismus begünstigen, wenn charismatische Führer oder Führerinnen als Sprachrohre der über den Klassen oder Schichten stehenden Nation auftreten. Nicht jeder Populismus ist nationalistisch, aber jeder Populismus ist nativistisch und fungiert als Tribun der eingeborenen, autochthonen Bevölkerung. Bonapartismus ist aber nicht mit Faschisierung gleichzusetzen, die eine Krise ungleich größeren Ausmaßes voraussetzt, etwa wie sie nach dem Ersten Weltkrieg gegeben war im Syndrom der Demütigung durch den verlorenen Krieg, in Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation, durch paramilitärische Verbände, Destabilisierung der damals noch jungen parlamentarischen Demokratien und die Sowjetunion als Drohkulisse. »Faschisierung« kann zu einem reinen Kampfbegriff werden, den man nicht leichtfertig benutzen oder überstrapazieren sollte, auch wenn Polen oder Ungarn derzeit nicht als lupenreine Demokratien von sich reden machen. Der Faschismus, wie wir ihn kennen, wird nicht wiederkehren. Aber es könnten postdemokratische Entwicklungen eintreten, an denen der Populismus noch den geringsten Anteil hätte, auch wenn er als Alibi dient, den liberalen Rechtsstaat gegen die Demokratie auszuspielen.

Karin Priester im Interview mit Julia Hoffmann, Jungle World Nr. 42, 20. Oktober 2016.
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Der Eiskeller in #Kaltland

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Party im Conne Island - Werbung auf der Homepage

Party im Conne Island – Werbung auf der eigenen Homepage

Auch sich aufgeklärt gebende linke Zusammenhänge sind nicht frei von Irrtümern und Fehlentscheidungen. Auf Basis der öffentlichen Stellungnahme „Ein Schritt vorwärts, zwei zurück“ diskutiert die radikale Linke über die Grenzen von Leipzig-Connewitz hinaus in den Grenzen deutscher Willkommenskultur. Das Statement des Conne Island in Leipzig verdient insofern Beachtung. In schroffer Verkürzung bedient das Plenum auch rassistische Ressentiments und verliert sich in Differenzkategorien. Damit leistet das Island keinen Beitrag zum eigentlichen Problem – sexualisierte Übergriffe auf Frauen und Discoschlägereien sowie Rassismus – sondern schafft Neue.

Es hat Vorfälle auf Veranstaltungen des Conne Islands gegeben, die eine öffentliche Erklärung aus Sicht der Betreibenden offensichtlich erforderlich machten. Den Hintergrund bilden sexualisierende Anmachversuche im Rahmen von Parties und Konzerten. Linke Popkritiker_innen attestieren den Tanzpalästen der Kulturindustrie die suggestive Wirkung auf die von den prekären Verhältnissen Gescholtenen, dort den Ausbruch zumindest noch imaginär durchspielen zu können. Darin sehen linke Gesellschaftskritiker_innen die grundsätzliche Vorbedingung für bessere gesellschaftliche Verhältnisse jenseits des Bestehenden gewahrt. Diese Ausbruchversuche äußern sich in verschiedensten Ausprägungen und Stufen der Enthemmung. „Freiheit“ bringt unter den falschen Verhältnissen positive wie negative Folgen mit sich und sexualisierte Übergriffe sind neben anderen Formen eskalierender Gewalt Ableitungen hieraus. Dies relativiert das Stattgefundene im „Eiskeller“ in keinster Weise. Jede Diskriminierung muss zurückgedrängt werden und gehört kritisiert sowie „Arschlöcher rausgeschmissen“ (Jungle World). Es ist  Notwendigkeit, mit menschen- oder gruppenbezogener Kritik nicht vor diesen stehen zu bleiben.

Besonderheiten und Normalität

Zahlreiche Vergewaltigungen auf dem Oktoberfest 2016 in München zogen nur kleine mediale und öffentlich wahrgenommene Kreise. Die Schlagzeilen nach den sexuellellen Übergriffe und sexualisierter Gewalt in Köln zu Sylvester 2015 löste hingegen eine bundesweite Diskussion gegen Geflüchtete und eine Verharmlosung gesamtgesellschaftlich verankerter sexueller Gewalt gegen Frauen aus. Welche besonderen Umstände führen dazu, dass die bittere Normalität auf hiesigen Tanzflächen zu einer bundesweiten Berichterstattung führt?

Statements und kritische Einordnungen zum Zeitgeschehen haben immer Gewicht, wenn sie vom Plenum des Conne Islands unterschrieben sind. Der Ort des Geschehens im links-alternativen Stadtteil Leipzig-Connewitz ist eine antideutsche Hochburg. Das Gebäude wurde 1990 von kommunistischen Zusammenhängen eingenommen, ausgebaut und seither betrieben. Leipzig-Connewitz gilt nicht zuletzt wegen der theoretischen Outputs und zivilgesellschaftlichen Interventionen als prägend für die postkommunistische Theoriebildung im Speziellen und linksradikale Diskussionen der letzten 25 Jahre in Deutschland im Allgemeinen.

Das Conne Island Plenum erklärt in seiner Mitteilung am 7. Oktober 2016:

Aufgefallen ist außerdem der Missbrauch des „Refugees-Fuffzigers“ durch junge Männer mit Migrationshintergrund, die in größeren Gruppen insbesondere Tanzveranstaltungen am Wochenende besuchen und den geringen Eintritt gern bezahlen um dort für Stress zu sorgen.

Weiter im Text schreibt das Plenum des Conne Island, es handele sich bei diesen „Refugee-Männern“ um „größere Gruppen“ mit einer „stark autoritär und patriarchal geprägten Sozialisation“. Menschen wird hierin aufgrund vermeintlich festgeschriebener biologischer, sozialer oder kultureller Merkmale  zum Vorwurf gemacht, das Angebot des ermäßigten Eintritts zu missbrauchen, und zwar nur um „Stress“ machen zu können, zum Beispiel Frauen sexualisiert anzutanzen. Die Vorfälle werden  anhand der Kategorien  Geschlecht, Herkunft, Kultur und Abstammung sowie sozialer Status kritisiert. Dabei fehlt eInge wahrnehmbar darüber hinausgehende gesellschaftskritische Einordnung. Das Conne Island verengt so seine Perspektive stattdessen auf „Ausländer“ und eine „naive“ Willkommenskultur.

In der Wahrnehmung zitierter Zeilen geht ein Satz fast völlig unter:

Egal ob die Betreffenden Syrer, Connewitzer, Ghanaer, Eilenburger, Leutzscher oder Russen sind, haben sie leider in erschreckend vielen Fällen eines gemein: Es kommt zu sexistischen Kommentaren – egal ob abfällig oder vermeintlich bewundernd – und nicht selten auch zu Handgreiflichkeiten gegenüber Frauen, die ihren Weg kreuzen.

 

Deutschland nimmt Connewitz in die Arme

Die Leipziger Volkszeitung titelt:

Conne Island ist in der Realität angekommen

Die taz schreibt

Denn es ist an seinem Umgang mit Flüchtlingen gescheitert,

was laut Spiegel Online Sprecherin Tanja Rußack als „naiven Plan“ bezeichnet.

Michael Paulwitz kommentiert für die rechte Zeitschrift Junge Freiheit begeistert ob der politischen Steilvorlage aus Leipzig:

„Integration“, die „wie von selbst“ durch „gemeinsam feiern“ läuft – ein „recht naiver Plan“, muß „Conne Island“ leicht ratlos zugeben. (…) Hat man die Türen dagegen erst mal aufgemacht, kriegt man sie kaum wieder zu; versucht man’s trotzdem, muß man noch dazu den eigenen Komplizen erklären, warum auf einmal mehr Sicherheitspersonal gebraucht wird und sie dafür auch mehr bezahlen sollen.

Gegenüber Spiegel Online erklärt das Conne Island:

„Wir distanzieren uns nicht von der ‚Refugees Welcome‘-Politik“

Es ist bezeichnend, dass Tanja Russak dies überhaupt klarstellen muss.