Sichten Blog

Gesellschaftskritische Kommunikation

Archive for the ‘PEGIDA’ tag

without comments

Doch interne Aufzeichnungen, die dem Antifaschistischen Infoblatt (AIB) zugespielt wurden, zeichnen ein ganz anderes Bild: Unter dem Namen „PEGIDA Deutschland Orga“ bemühen sich die ProtagonistInnen aus Dresden fast von Anbeginn und bis heute, die Protestbewegung gezielt zu steuern und ein bundesweites Netzwerk aufzubauen. Ihm gehörten zeitweise rund 100 Personen an, darunter auch VertreterInnen aus Österreich und der Schweiz. (…) Auch später ließ man die angeblich guten und direkten Kontakte zur Polizei und zum Staatsschutz der Dresdner Polizei durchblicken. „Sind auf unserer Seite“, hieß es einmal seitens des Dresdner „Orgateams“, man erhalte sogar „Tipps“ oder werde, wie ein Legida-Vertreter erläuterte, zum Weitermachen ermutigt. Der Pegida e.V.-Mitbegründer Thomas H. aus Dresden erklärte – nach Medienberichten6 – zu möglichen Verbindungen zwischen dem Pegida-Protestspektrum und Sicherheitsbehörden prahlerisch: „Es gibt eben Leute die auch noch so geheime Unterlagen weiter geben weil es einfach jeder, aber auch wirklich jeder in Deutschland wissen soll wie unsere Regierung tickt!“

Antifainfoblatt AIB 112 / 3.2016 | 07.12.2016
Read the rest of this entry »

Polizei NRW im Überfluss: Weg frei für rechten Marsch

without comments

Der Kölner Stadtanzeiger beziffert die Ausgaben der Polizei NRW lt. Köln Gegen Rechts auf 1 Mio Euro für den Einsatz für vielleicht 60 Nazis der ProNRW-Demonstration in Köln am 7. Januar 2016. Das ZDF schreibt via Twitter:

Unfassbar, was die #Polizei #Köln für einen Aufwand betreibt bei einer #ProNRW #Demo mit ca. 60 Teilnehmern.

Schon zu Beginn der Woche gab die Bereitschaftspolizei zu, aufgrund solcher Sondereinsätze bereits 4 Millionen (!) Überstunden angehäuft zu haben. Soweit das, zu dem, was die Allgemeinheit bewegt.

Köln gegen Rechts demonstrierte gegen die Rechten und es gab verschiedene Blockaden, um einen erneuten Marsch der Faschist_innen durch das die Stadt zu verhindern. Immer wieder gelang es, Ester Seitz und ihre Mitgelaufenen zu stoppen und deren Demonstration so in die Länge zu ziehen. Schon nach wenigen Metern gingen dann der Anmelderin die Worte aus.  Während die Faschistin Seitz vorgab, für die Rechte von Frauen einzutreten, zumindest sofern sie nach ihren Vorstellungen deutsch genug seien, füllten ihre Dahergelaufenen die Stille mit „Hurensöhne“-Skandierungen. Wie es um  Sexismus unter Faschist_innen bestellt ist, war schon vorher kein Geheimnis. Mit dem Motto der Demo wurden zudem auch die Opfer der Shoa verunglimpft.

Die Polizei setzte trotz vieler hundert Gegendemonstrant_innen den Erfolg der Nazis durch, gleichwohl die Gegenproteste es ermöglicht hätten, die Rechten früher nach Hause zu schicken. Zu den Protesten gegen die Nazidemo habe ich einen Augenzeugenbericht gefunden:

Erst eingekesselt und nicht rausgelassen. Jetzt sind wir eine illegale Versammlung. Personalien werden aufgenommen. #Aposteln #koeln0701

Der sozialistische SAV konkretisiert:

Es gab nicht einmal eine Aufforderung der Polizei, dieses Gebiet zu verlassen. Es gab keinen Hinweis, dass der Aufenthalt nahe der Apostelkirche nicht erlaubt sei. Es gab nicht den Hauch von Gewalt seitens der Antifaschist*innen. Das polizeiliche Vorgehen ist somit illegal und reine Schikane. Eine Woche, nachdem die Polizei Hunderte migrantisch aussehende Menschen ohne jeden konkreten Verdacht am Kölner Hbf festgehalten hat, dehnt sie ihre willkürliche Repression auf Antifaschist*innen aus. Willkommen in 2017!

Demnach war die Einkesselung illegal und wird dennoch Nacharbeit aufgrund vermutlich ungerechtfertigter Anzeigen nach sich ziehen, fern jeder Verhältnismäßigkeit. Nun sollen sich weitere Beamte, Staatsanwält_innen, Anwält_innen, Richter_innen und Zeug_innen damit beschäftigen, festzustellen, dass die Polizei zum zweiten Mal in nur  7 Tagen eine Versammlung erst künstlich kreiert und dann kriminalisiert.

Dirk Bachhausen, SPD Köln Politiker beschreibt die rechte Demonstrant_innen als „importiertes Nazipack“ und es waren wohl tatsächlich kaum Kölner Nazis darunter. Dies bestätigen auch andere Beobachtende. Die Anmelderin Ester Seitz wohnt in Meißen, Sachsen.

Quellen:

#koeln0701 Die Kölner Polizei hält 200 Menschen über Stunden in einem Kessel fest und will jetzt die Personalien…

Posted by SAV Köln on Samstag, 7. Januar 2017

brrrrr kalt……. Keine 40 Deppen hat Pro Nrw zusammen bekommen…. Bis jetzt noch keine Kölschen entdeckt… Als importiertes Nazipack…

Posted by Dirk Bachhausen on Samstag, 7. Januar 2017

without comments

Nach seiner Diagnose haben Linke und Liberale das Land in eine „Gouvernanten-Demokratie“ verwandelt. „Eine arrogante Minderheit“ manipuliere mit ihrer „Monopolstellung in der Meinungsbildungsapparatur“ eine „geduldige Mehrheit“. Sie nutze einen tief verwurzelten „Nationalmasochismus“ aus, um als verlängerter Arm der Sieger von 1945 die wirkliche Souveränität des Landes zu verhindern. Die einzige reale Alternative für Deutschland komme von rechts. Dafür sei jedoch der Abschied vom etablierten Konservatismus nötig, eine radikale Neubestimmung des rechten Lagers. „Ein Liberalkonservativer in der Bundesrepublik“ ist für ihn ein Mann, „der bereits kapituliert hat“. Das sind vertraute Töne, doch stammen sie weder von einer Dresdner Pegida-Tribüne noch vom AfD-Parteitag. Die Feindbestimmungen nimmt Armin Mohler Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre während der sozialliberalen Koalition in einer Reihe prominenter Artikel vor. Für Mohler hat die übliche Rede von „linkem Fortschritt“ und „rechtem Bewahren“ nie Gültigkeit besessen. Im CSU-eigenen Bayernkurier frohlockt er, dass „heute die Konservativen die unzufriedene, auf Veränderung bedachte politische Schicht sind“. Sie seien die „wirklichen Revolutionäre“, während die Linke nur noch den Status quo verteidige. Auf die Kritik aus den eigenen Reihen, für einen Konservativen zu extrem zu sein, antwortet er: „Die Definition, was ›konservativ‹ sei, ist bereits ein politischer Akt.“ Man müsse das Feld nach rechts öffnen und 1945 verlorenes Terrain zurückerobern. Der 1920 in der Schweiz geborene Armin Mohler war als Journalist und Schriftsteller eine Schlüsselfigur bei der Reorganisation der äußersten Rechten in der Bundesrepublik. Mohlers Schüler wie der mittlerweile fernsehbekannte Verleger und Publizist Götz Kubitschek schwingen Reden vor Pegida-Versammlungen und beeinflussen die AfD. Ihr Traum einer Revolution von rechts steht in einer langen, untergründigen Geschichte politischer Theorie.

Volker Weiß, Die Zeit vom 21. Juli 2016 über Armin Mohler, der unmittelbar nach der Niederringung des Nationalsozialismus an der Idee des völkischen Nationalismus weiterarbeitete und heute eine wichtige Einflussgröße rechter Intellektueller ist
Read the rest of this entry »

without comments

Im Widerstand gegen den „Großen Austausch“, der in Wahrheit Angst hat vor den Unübersichtlichkeiten der modernen Weltgesellschaft, „unterlaufen“ überforderten AfD-Funktionären gehäuft rassistische Schlenker. Potenzielle Anhänger können daran erkennen, wohin die Reise geht: Wer politische Entscheidungen einzig nach einem angstbesetzten Wir-Gefühl trifft, der kann weder wirtschaftlichen Nutzen noch grenzüberschreitende Solidarität noch menschliche Kooperations- und Lernfähigkeit einrechnen. Und landet fast zwangsläufig beim ethnisch-religiösen Bürgerkrieg, den Nationalisten beschwören und in Wahrheit selbst inszenieren.

Claus Leggewie, Frankfurter Rundschau, 17.06.2016 beschreibt den Weg in den Faschismus. Er veröffentlicht „Ihr Kampf. Identitäre, Eurasier und Dschihadisten gegen Europa“ via Edition Suhrkamp.

Read the rest of this entry »

without comments

Für Röpke stehe der Thüringer Einsatz aber für ein generelles Problem: Die Polizei sei seit dem Aufkommen der Pegida-Demos und Proteste gegen Flüchtlinge „hoffnungslos überfordert“. Die Beamten vor Ort würden sich rechtlich zu wenig auskennen und ließen deshalb zunehmend Beleidigungen und Angriffe auf Pressevertreter zu, beobachtet sie. „Unsere Arbeit wird immer gefährlicher.“

Anna-Maria Wagner fragt, ob die Polizei die freie Berichterstattung über Rechtsextremist_innen untergräbt, Deutscher Journalistenverband, 14.06.2016

without comments

Das diskursive Gewaltverhältnis, in welchem Dialoge menschenverachtend aufgeladen werden und die Abschaffung der Menschenrechte zur Diskussion gestellt werden dürfen, müssen zum Schutz allgemeiner Freiheitsrechte und im Namen von Frieden und Sicherheit durchbrochen werden.
Nicht der demokratische Dialog ist am 5. Juni bei Birlikte in Köln am 5. Juni 2016 gescheitert, sondern die begriffs- und geschichtslosen Gesellschaft am Wiedererstarken des Neofaschismus.

Antifaschistische Gruppe CGN, 11.06.2016

Read the rest of this entry »

Leserbrief an den Kölner Stadtanzeiger aufgrund Berichterstattung gegen Birlikte-Dialog-Protest am 5.6.

without comments

GMX - Leserbrief zum Birlikte Dialog vom 5.6. mit Konrad Adam im Depot 1, Schauspiel KölnSehr geehrter Herr Pauls, Herr Feierabend, Herr Wagner und Herr Frank,

das Wort „dialog“ ist kein demokratischer Selbstzweck. Es wird zur Zeit hoch aufgehangen. Mit der AfD müsse geredet werden. Nein! Denn den demokratischen Dialog gilt es zu verteidigen, damit er frei bleiben kann. Freier wird er nicht dadurch, dass Menschen in den Dialog einbezogen werden, welche bloß einen freien Monolog für sich ohne Widerworte fordern. Demokratischer wird der Dialog auch nicht, indem bloß eine Seite redet während die andere taktische Behauptungen zur besten Sendezeit abgibt.

Ich bin entsetzt über die Geschichtsvergessenheit von Schauspiel Köln und AG Arsch Huh. Erst vor wenigen Monaten wurde das sächsische Dialog-Modell mit Pegida für gescheitert erklärt. Frank Richter, Direktor der politischen Landesbildungszentrale Sachsens, hat das Konglomerat aus besorgten Bürger_innen, Neonazis und AfD in vermeintlich demokratischen Absichten salonfähig gemacht. Der Freistaat Sachsen hat hier durch und durch verloren, ohne dass das Klientel aus rechten Hetzer_innen und Neonazis auch nur eine Behauptung zurückgenommen, eine Einsicht für das demokratische Wertesystem zurückgewonnen hat

Ich selbst habe Konrad Adam in zwei Diskussionsrunden als Zuhörenden im Depot1 gestern miterlebt, wüst schimpfend und rüde pöbelnd torpedierte er die Diskussionen zwischen 12:30 und 14:00 Uhr. Als er Widerworte erntete, vom Podium und aus dem Publikum, verließ er wutschnaubend den Saal. Dies zeigt schon, wie sehr sich die Verantwortlichen von Arsch Huh und Schauspiel Köln  verschätzt haben. Herr Adam kam nicht zum dialogischen Austausch. Der Antifa und couragierten Bürgerinnen und Bürgern verdanke ich, dass diese Selbstinszenierung nicht auch noch medial zur Aufführung gekommen ist

Tagtäglich erleben wir Bandanschläge und gewalttätige Übergriffe aus dem Umfeld der rechten Hetzer_innen von AfD und Pegida. Diese Realität ist auch ein Stück weit bittere Normalität geworden. Dass 2016 immer noch Menschen  als „Fremde“ nicht dazugezählt werden, als Schutzsuchende in Deutschland Verfolgung, Schikane und Beleidigungen erleben, in einigen Landstrichen um ihr Leben fürchten müssen, ist nicht hinnehmbar. Ich bin es deshalb leid, jeden Tag in den Medien mit rechtem Hass auf alles „Andere“ zugedröhnt zu werden. Ich möchte mir das nicht jeden Tag anhören müssen. Ich möchte mir nicht Dialoge darüber zumuten lassen, wer als nächstes in unserer Gesellschaft nach der Idee der extrem populistischen Rechten benachteiligt, ausgegrenzt oder abgeschossen werden soll. Schauspiel Köln und AG Arsch Huh wollten uns gestern um 16 Uhr in Köln diese menschenverachtenden Positionen zur Diskussion stellen. Doch dies ist indiskutabel. Ich bin froh, dass mutige Menschen dies gestern unmissverständlich klar gemacht haben. Es gibt einfach kein Recht auf Nazipropaganda ist das Ergebnis eines besonderen Dialogs, der gestern um 16 Uhr in Köln statt fand. Und dies war überfällig! Auch wenn das Arsch Huh und Schauspiel Köln nicht gefällt!

Esther Bejarano warnte die Kölner Zivilgesellschaft am 27. Januar 2016 anlässlich des Jahrestages zur Befreiung Ausschwitz in der Antoniterkirche Köln: „Wehret den Anfängen ist nicht mehr. Wir sind schon mittendrin!“ Dass wir darüber ernsthaft diskutieren, ob diese Diskussion hätte stattfinden sollen, oder nicht, zeigt, wie richtig Frau Bejarano mit ihrer Einschätzung liegt.

without comments

Ist also der vermeintliche Linke, der mit Friedenstaube für die Auslöschung Israels streitet und den säbelrasseln- den Chauvinismus Putins bewundert, vergleichbar mit vulgärbuddhis- tischen Bachblütenfetischisten, die ihren Kindern germanische Götter- namen geben?

Markus Liske und Manja Präkels, Vorsicht Volk (Buch), Berlin 2015

with one comment

Bei einer Vielzahl der Mobilisierungen gegen Pegida und ähnlichen Zusammenschlüssen und Parteien wie die sogenannten Freien Bürger, der Widerstand Ost/West oder die Alternative für Deutschland (AfD) wird mit keinem Wort Kritik an den Geschlechterbildern, -rollen und -zuschreibungen geübt, die diese in ihren Positionspapieren, Redebeiträgen und Internetauftritten propagieren. Für gewöhnlich reichen Gegenaufrufe inhaltlich kaum über eine Auseinandersetzung mit dem offen zu Tage tretenden (antimuslimischen) Rassismus von Pegida und Co hinaus. Dieser blinde Fleck von Seiten einer emanzipatorischen Linken ist nicht neu – aber deshalb nicht weniger bedenklich.

Insa Kleimann, Der blinde Fleck der (radikalen) Linken bei Kritik und Mobilisierung gegen Pegida, AfD und Co., erschienen in Freie Assoziationen.

Read the rest of this entry »

Strategie und Konzepte um die Kölner „Bürgerwehr“

without comments

Melanie Dittmer aus Düsseldorf bei ihrer Wehrsportübung. Sie hätte gerne Bürgerkrieg.

Melanie Dittmer aus Düsseldorf bei ihrer Wehrsportübung.

Das Ziel der verdeckt agierenden militanten Neonazis ist, rechtsoffene Bürgerinnen und Bürger ohne ideologische Barriere abzuholen. Für organisierte und radikalisierte Nazis sollen im öffentlichen Raum Handlungsspielräume geschaffen werden. Die Bürgerwehren sind deshalb im Zusammenhang anderer Wutbürger-Aufmärschen und militanter Aktionen von Neonazis zu betrachten.

Vorgeblich der Bürgerwehr-Organisationen sollen Straftäter_innen aufgespürt werden, um die Polizeiarbeit zu unterstüzten. Tatsächlich sollen Anhänger_innen angeworben und Szenemitglieder neonazistisch radikalisiert werden.  Ein Wortführer der westdeutschen Pegida-Bewegung ist Karl-Michael Merkle, der unter dem Pseudonym „Michael Mannheimer“ auftritt. Der Neonazi schwört seine Zuhörer_innen auf einen Bürgerkrieg ein, in Köln sagte er am 9. Januar 2016:

Wir haben Bürgerkrieg. Und ich fordere euch Deutsche auf. Lasst euch nicht von der Politik und der Lügenpresse einschüchtern.

Dass die Polizei NRW in dieser Gemengelage beratend auftritt und den Bezug von Waffenscheinen bewirbt, wird von der Szenebeobachtung als fahrlässig und eskalierend gewertet. Melanie Dittmer, eine weitere Wortführerin von Pegida in Westdeutschland, hat im Internet unlängst gezeigt, dass der bewaffnete Angriff auf Andere das Ziel ihrer Bestrebungen ist. Sie posiert bei Wehrsportübungen mit Waffen und im Kampf. In Bürgerwehrforen melden sich zudem Personen, um eine im verborgenen organisierte Form der Bürgerwehr aufzubauen. Sebastian K., laut eigenen Angaben Soldat der Deutschen Bundeswehr aus dem Kölner Umland, schreibt:

Für eine effektive untergrundbewegung die auch auserhalb des rechtswesens Deutschlands (…) ich biete meine tatkräftige unterstützung lieber offline bestehenden gruppierungen an die schon zuvor in den medien überkriminalisiert wurden, da diese gruppen effezienter auserhalb des staatlichen überwachungsnetzes arbeiten (Anm d. Verf.: Fehler im Original)

Wenig später suchte Sebastian K. Kontakt zu einer Leitfigur des Kölner Rockermilieus.

 

Was ist hier los? Und wie lautet dazu die Vorgeschichte?  Der nachfolgende Beitrag setzt sich damit auseinander, welche Konzepte und Strategien der neonazistischen Szene in Köln beobachtbar sind. Für eine Kritik an der Rolle von Polizei, Politik und Medien sei auf einen früheren Beitrag verwiesen, der sich schwerpunktmäßig damit auseinandersetzt.

Köln seit Neujahr 2016

Seit den sexuellen Übergriffen auf Frauen von Männern in der Silvesternacht ist die Kölner Innenstadt zur Bühne rechter Gruppierungen geworden. Dies sagt ein Beamter gegenüber der Kölnischen Rundschau. Köln hat seit mindestens 25 Jahren erfolgreich Versuche des rechtsradikalen Spektrums abgewehrt, in Köln Fuß zu fassen. Rechten Kölner Parteien wurde der öffentliche Raum verwährt. Neonazistische Aufmärsche hatten keine nachhaltige Wirkung: Als Neonazis gegen den Moscheenbau demonstrieren wollten, verweigerten Taxifahrer den Rechten die Mitnahme und Kölsch-Kneipen waren sich einig: Kein Kölsch für Nazis. Im Oktober 2014 griff die gesamte braune Bandbreite des Landes die Kölner Innenstadt an. Seither agieren Neonazis zumeist aus Köln und den umliegenden Ballungszentren konzentriert in Köln. Die lokale Szene wird anzahlmäßig aus dem Ruhrpott und Umland gestützt. Insbesondere seit den Silvestervorfällen in Köln gibt es unzählige Versuche des rechtsradikalen Spektrums, in Köln erneut Anschlussmöglichkeiten auch an die rechtsoffenen Strömungen der bürgerliche Gesellschaft zu finden.

Rechte Agitations- und Erscheinungsformen

In den ersten 25 Tagen des neuen Jahres 2016 fanden in Köln über 10 rechte Versammlungen, Aufmärsche oder Kungebungen statt. Dort agierten rechte Bündnisse wie PegidaNRW, Hooligans Gegen Salafisten (HoGeSa) oder Widerstand NRW, es trat das  neonazistische Parteienspektrum von Alternative für Deutschland (AfD), ProKöln, ProNRW und Die Rechte in Erscheinung. Sogenannte „Spaziergänge“ oder „Bürgerwehren“ stießen vermeintlich spontan in den öffentlichen Raum vor. Tatsächlich verabredeten sich rechte Bürgerinnen und Bürger in sozialen Netzwerken. Die Zusammenrottung steht unter Anleitung organisierter Einzelpersonen. In diesem Zuge wurde gezielt auf Menschen mit anderer Hautfarbe Jagd gemacht. Am Wochenende des 9./10. Januar kam es zu 12 Verletzten in der Kölner Altstadt. Die Bild bezeichnet diese als „brutale Angriffe“ im Rahmen einer „Menschenjagd“. Die Welt fasst zusammen:

Binnen einiger Stunden 153 Personenüberprüfungen und 199 Platzverweise (…) Die Beteiligten seien teils Rechtsextreme gewesen, teils kämen sie aus der Hooligan-, Rocker- oder Türsteherszene. Nach Angaben der Polizei handele es sich insgesamt um vier Vorfälle mit elf Opfern. Die Attacken ereigneten sich demnach am frühen Abend innerhalb von etwa 45 Minuten im Innenstadtbereich und im Hauptbahnhof von Köln.

Bürgerguerilla  – EIne Vereinigungsmenge aus Bürgerwehr und Stadtguerilla

Das Konzept „Bürgerwehr lehnt sich an die in der Weimarer Republik aufgetretene „Einwohnerwehr“ an. Schon in Preußen und Bayern waren sie um 1918/19 geheimbündisch geprägt und extrem nationalistisch ausgerichtet. Zu Beginn der 1990er Jahre machten sich militante Neonazis eInge Organisationsform radikaler Linker aus Lateinamerika und der 68er-Bewegung in Deutschland zu eigen – per Stadtguerilla schufen sie No-Go-Areas in ostdeutschen Landstrichen:

Kennzeichnend für die Guerilla/Stadtguerilla ist, dass sie mit oft militanten Mitteln versucht, aus dem Untergrund oder der Illegalität heraus gegen bestimmte politische Entscheidungen, vielfach jedoch auch gegen ein politisches System insgesamt, und damit gegen eine herrschende Regierung Widerstand zu leisten und die eigenen politischen Konzepte und Ziele durchzusetzen (…)

Rechte Chaoten pöbeln und hetzen

Rechte Hooligans pöbeln und hetzen in Köln

Im Wutbürgertum verringt die Neue Rechte um AfD-organisierte Burschenschaften und strammrechte Autonome und Hooligans diese Konzepte. Als „Bürgerguerilla“ entsteht so punktuelle Militanz. Diese neue Wehr-Erscheinung  macht sich unter dem Deckmantel von „Prävention“ und „Vorsorge“ die rassistisch geladene Grundstimmung zu eigen, um im öffentlichen Raum militante Handlungsspielräume zu schaffen.  Die „Bürgerguerilla“ ist eine Teilprivatisierungen paramilitärische Organisationsform.

Das rechtsradikale Spektrum hat bereits in den 1980er und 1990er Jahren vielfältige Erscheinungsformen hervorgebracht: Wehrsportgruppe Hoffmann, freie Kameradschaften, autonome Nationalisten wie Skinhead Sächsische Schweiz, Thüringer Heimatschutz oder den Nationalsozialistischen Untergrund als rechtsterroristische Vereinigung. Zu Teilen ist bekannt, dass diese an internationale Neonazinetzwerke wie Combat18 oder Blood & Honor angebunden sind. Die Zuschreibung der Bürgerwehren als „Hooligan-, Rocker- oder Türsteherszene“ mag die Sichtweise von kurzsichtigen polizeilichen Ermittlern sein. Insgesamt offenbarte diese „Szene“ jedoch eine organisatorische Nähe zum freien Kameradschaftsspektrum, autonomen Nationalisten oder auch bekannten rechtsradikalen Parteien. Rekrutiert wurden durch diese Szene auch Neonazis über Köln und über Nordrhein-Westfalen hinaus, die widerrum dem internationalen Neonazinetzwerken zugerechnet werden, so dass ein ideeller bis struktureller Zusammenhang nicht ausgeschlossen ist.

Die Polizei Köln durchsucht derweil People of Color am Kölner Hauptbahnhof. Sie empfiehlt zudem, von militaristischer Karnevalsbekleidung abzusehen.

Read the rest of this entry »